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Religion – Ursprung, Auswirkungen und Folgerungen
Die Religion eines Menschen, sein Glaubensbekenntnis, scheint weltweit das Fundament zur Zuweisung der Individuen in Richtung bestimmter Denkweisen, Annahmen über Gott und die Welt , moralischer Handlungsanweisungen und Diesseits- wie Jenseitserwartungen zu sein.
Die meisten Religionen dieses Erdenkreises haben ihre Grundlagen schriftlich fixiert und Heerscharen von Priestern, Religionswissenschaftlern und Laien sind immer wieder beschäftigt, die verschiedensten heiligen Bücher, Prophezeiungen, Dokumente von Kirchenfürsten und Heiligen, aber auch Zeugnisse von Volksfrömmigkeit zu interpretieren und in ihr Lehrgebäude einzuordnen. In den Kirchen und Tempeln werden diese Inhalte über Generationen hinweg weitervermittelt.
So hat es sich ergeben, dass bei den großen Weltreligionen fundamentale Unterschiede zu entdecken sind, aber auch Gemeinsamkeiten, wie z.B. den Glauben an einen lenkenden Gott oder gewisse Erlösungsvorstellungen in einem Jenseits.
Die verschiedensten fundamentalistischen Richtungen und Sekten mit eigenen Interpretationen, rigiden Vorschriften und Riten, seien hier nur nebenbei erwähnt. Auch Systeme, welche quasireligiös auftreten, sei es der Faschismus in verschiedensten Ausprägungen oder andere Ideologien mit Heilsbotschaften bis hin zur Vergötzung materieller Güter, sollten hier mit einbezogen werden.
Fatalerweise hat sich in der Ausbildung verschiedener Glaubensbekenntnisse - bis in die heutige Zeit tagtäglich spürbar - eine Parallelentwicklung von weltlichen Machtstrukturen entwickelt, die scheinbar nicht aufzulösen ist. Ja , was war zuerst da – Kirche oder Macht? Ob es die großen Konflikte sind zwischen Juden und Palästinensern, Christen und Islamisten. Oder die „kleineren“ Nebenkriegsschauplätze von Stämmen in Afrika, die durch ethnische Unterschiede geprägt sind : Immer werden auch verschiedene Glaubensvorstellungen benutzt, um die Konflikte zu verschärfen oder als unüberbrückbar hinzustellen.
Und eigentlich ist das ganze Desaster aufzulösen, wenn man sich ganz naiv überlegt, wie Religion bei den Menschen wahrscheinlich entstanden ist und wie religiöse Gefühle z.B. bei Kindern entstehen.
Ist es nicht so, dass der Ursprung jeglicher Religion mit der Bewusstwerdung des Menschen zusammenhängt ? Nicht dass der Mensch die einzige Gattung wäre, welche Angst empfinden kann. Aber der Mensch kann sich jedenfalls bestimmte Abläufe in der Vergangenheit bewusst machen und in die Zukunft projizieren. Und er hat das Mittel der Sprache, um es über Generationen weiterzutragen. ( Die Bewusstseinsmechanismen von Pflanzen, Tieren und sogenannter unbelebter Materie sind wenig erforscht. Aber Religion scheint eher eine menschliche Erscheinung zu sein. )
Und so ist das Phänomen der Sterblichkeit des Menschen und seiner Vergänglichkeit als Bewusstseinsgehalt für die Gattung Mensch bestimmt Angst auslösend. Und das nicht nur als momentaner Zustand, sondern als latent vorhandenes Gefühl. Zumindest wusste und weiß der Mensch sehr früh, dass er sterblich ist. Dieses Bewusstsein der Sterblichkeit ist sicher der Ursprung jeglicher Religion.
Und so hängen die Bestattungsriten unserer Vorfahren ziemlich sicher mit religiösen Gefühlen zusammen. Verschiedene Grabbeigaben lassen sich so als Glaube an ein anderes Leben nach dem Tode für die Verstorbenen interpretieren. Glaube an ein Jenseits als Hoffnung auf ein weiteres, neues Leben.
Und so ist es in den meisten Religionen heute noch.
Es dürfte auch klar sein, dass für unsere Vorfahren, welche tagtäglich mit den Gefahren und Unwägbarkeiten der Natur konfrontiert waren, das Opfer, die Anbetung, die Feier und der Ritus eine riesige Hilfe war, um Zuversicht in der gefährdeten Existenz zu erzeugen. Glaube an eine höhere Instanz und das Gebet als Hoffnung und als Danksagung an eine Fügung zum Guten.
Und so ist es bei heutigen Anbetungen immer noch.
Ich schätze, dass Höhlenzeichnungen, Steinkreise, Statuen und eben auch Gräber, Zeugnisse religiöser Riten sind. In den meisten Religionen wurde in der Folgezeit sehr viel Energie hineingesteckt, um die Orte der gemeinsamen Anbetung nachhaltiger zu gestalten. Tempel und Kirchen wurden auch gebaut, um der Nachwelt die innenliegende Kraft der jeweiligen Religion zu überliefern -- und meist auch gleichzeitig als Symbol der Macht der Herrschenden, welche Religion ja sehr oft für ihre Zwecke eingesetzt haben.
Die einzelnen Glaubensbekenntnisse brauchen auch ihre eigenen Symbole und Riten. Und doch nicht nur, um den Glauben weiterzutragen und als Bekenntnis dazu.
Schon das Kind braucht im Bewusstsein seiner Hilflosigkeit und Unsicherheit einen festen Rahmen, eine Struktur, Rituale und Symbolgehalte zur Entwicklung von Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit wird vermittelt.
Und so nutzen auch Konfessionen diese Bedürfnisse aus:
Licht und Dunkelheit sind für Lebewesen elementare Erfahrungen. So ist es nicht verwunderlich, dass bestimmte Nah-tod-erlebnisse diese Grunderfahrungen beinhalten: Man schwebt durch einen dunklen Tunnel dem Licht entgegen. Licht ist hier positiv besetzt, die Erlösung naht. Dunkelheit hat hier etwas Bedrohliches.
In der Architektur religiöser Bauwerke lassen sich durch die Wirkung von Licht und Dunkelheit, Farbgebung und Grautönen sehr gut Grundlagen der Glaubensbekenntnisse erkennen. Da gibt es große Bandbreiten von der Kerkerstimmung, der Trutzburg bis zur Heiterkeit, von der Kargheit bis zum Überfluss. Absicht oder ganz einfach Ausdruck der jeweiligen Entwicklung ? Gottgegeben oder Menschenwerk ?
Auch in den Riten lassen sich ganz klare Wirkungszusammenhänge erkennen: Unterwerfungsrituale und Akte der Demut. Erhöhung von Priestern und Jubelchöre zur Ehrung eines Höheren. Selbstkasteiung und Trance in der Verzückung. Der Manipulation der Gläubigen ist hier ein großes Experimentierfeld gegeben, aber auch der Möglichkeit grundlegender Eigenerfahrungen. Auch hier ist immer wieder die Ambivalenz von grundlegenden religiösen Bedürfnissen des Individuums und der Herrschaftsansprüche innerhalb vorliegender gesellschaftlicher Strukturen zu spüren.
Im Bewusstsein seiner unsicheren menschlichen Existenz ist die demütige Verbeugung vor einem Gott, das Bittgebet oder die Opfergabe und die Danksagung allzu verständlich. Die Feste, das Gedenken, die historisch gewachsenen Kalendarien sind erst mal zu akzeptieren und gehören je nach gesellschaftlicher Entwicklung mehr oder weniger zum kulturellen Umfeld. Wir sind alle als Menschen in eine unsichere Existenz mit irdischer Endlichkeit geboren. Glaube, Liebe, Hoffnung dürften bei jedem Glaubensbekenntnis, welches dem Menschen Hilfe sein will, die wesentliche sinnvolle Grundlage sein.
Hier sollte man jedem auch seinen Glauben, seine Fürsorge für seine Nächsten und seine Erlösungsvorstellungen lassen. Man sollte aber auch über die einzelnen Nuancen der Religionsausübung und besonders über ihre Widersprüche diskutieren können, denn Toleranz erfordert auch Wissen und Stellungnahme.
Jeder Mensch sollte nach seiner Facon selig werden und glauben dürfen und jeder sollte die Möglichkeit haben, seine religiösen Bedürfnisse unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Staatsverband privat zu leben.
Einschränkend ist aber festzustellen, dass es nicht zu akzeptieren ist, wenn eine Religionsgemeinschaft sich über andere erhöht, Privilegien einfordert, sich vielleicht sogar als auserwählt betrachtet. Nicht zu akzeptieren ist der Dogmatismus. Deshalb ist eine offene Diskussion über das Auftreten der Religionsgemeinschaften, ihre Herrschaftsansprüche, ihre Strukturen und Grundlagen zu führen. Der Mythos von Religionsstiftern sollte auf ihre geschichtlichen Zusammenhänge zurückgeführt werden. Die heiligen Schriften sollten als interpretierbare Geschichten gesehen werden.
Schwierig wird es, wenn Inhalte der jeweiligen Konfession lächerlich gemacht oder verunglimpft werden. Einesteils ist dieser Tabubruch wichtig, um Widersprüche und Ungereimtheiten aufzudecken. Andernteils ist die Verletzung religiöser Gefühle schnell möglich und vielleicht nicht tolerierbar. Dogmatiker und Fanatiker haben meist ja keinen Humor. Hier gibt es noch ein weites Feld der Herzensbildung nach dem Motto: Nimm Dich nicht zu ernst, das Leben ist schwierig genug.
Das Wesen der Religiosität ist einesteils etwas ganz Privates: Meinen Glauben kann mir keiner nehmen. Meine Überzeugung kann sich ändern. Jeder hat das Recht auf seinen Weg.
Andererseits ist Religion schon immer ein gemeinschaftsstiftendes Element gewesen und von gesellschaftlichen Gruppen, Staaten und Gemeinschaften vereinnahmt worden.
Die Auswirkungen in der Geschichte bis in die heutige Zeit sind bekannt: Hass, Kriege, Terror, Ausrottung…..
Gerade deshalb sollte weltweit das religiöse Bekenntnis auf das Private zurückgeführt werden. Die Staatengemeinschaft hat das Recht auf private Religionsausübung zu garantieren. Die jeweiligen Religionsgemeinschaften oder Organisationen finanzieren und erhalten ihre Einrichtungen aus eigener Kraft.
In der ethischen Dimension hat die Gemeinschaft der Staaten und Nationen in Anbetracht des Toleranzgebots die Menschenrechte weiterzuentwickeln und auch Menschenpflichten einzufordern. D.h. Staatsreligionen sind nicht zu akzeptieren, in den Erziehungssystemen sind konfessionelle Einflüsse zu minimieren, dafür ist die Diskussion ethischer Fragen zu fördern. Die Trennung von Staat und Kirche sollte nicht als Affront gegen die Religionsausübung gesehen werden, sondern als Chance, in den Gesellschaften allgemein verbindliche moralische Standards festzulegen, welche unabhängig vom persönlichen Glaubensbekenntnis zu gelten haben.
geschrieben am 10./11. Dezember 2005 von hucky schermann
durchgesehen und ergänzt 2.1.2011
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