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der Heide

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Kann ein Heide religiös sein ?

In den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts war ich in West-Deutschland eine Seltenheit: Ungetauft, bekenntnislos, ein Heide – und dann hieß ich ja noch Heidecker mit Nachnamen.

In der ersten Klasse einer bayerischen Bekenntnisschule hatte ich noch Schwierigkeiten. Schwierigkeiten hatte ich sowieso, vielleicht auch weil der Lehrer Loos eher die Offizierslaufbahn hätte einschlagen sollen oder die als Brezenverkäufer auf  der Kirchweih. Jedenfalls war ich der einzige Schüler, welcher im ersten Zeugnis keine Noten bekommen hatte und den Eintrag: Alfred könnte bessere Leistungen erzielen, wenn er nicht gar so unaufmerksam wäre . Trost: Im zweiten Halbjahr hieß es dann „Gut begabt“ – mit Benotung !

Das nächste Schuljahr war ich in Hannover – und die Schule und der Umgang mit mir war ganz anders. Der Unterricht machte Spaß, ich hatte Spaß am Lernen und meine Bekenntnislosigkeit war ohne Belang.

Was das mit meiner Religiosität zu tun hat ? Na ja, der Loos war bekennender Katholik und die Lehrerin in Niedersachsen ein lieber Mensch ….

Ich war dann wieder in Nürnberg. Meine Freunde waren entweder evangelisch oder katholisch und ich war wieder der Heide. Macht nichts. Es gab zwei Banden, bei der einen waren die vom CVJM , bei der anderen die Ministranten - und  ich war in beiden Banden dabei.

 Die Katholiken hatten das bessere Lager. Einen Raum im ersten Stock einer halben Kriegsruine, dort im Hof des Nonnenkindergartens in dem man zur Strafe auf Holzscheiden knien musste. Ich war übrigens früher im Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt – und da war es schön. Jedenfalls konnte man in das Lager nur über eine Dachrinne klettern. Die anderen hatten ihres im Gebüsch am Rand eines alten Bombentrichters. Es war zwar nicht so geschützt, aber dort konnte man ein Lagerfeuer schüren.

Heide wie ich war, hab ich den Evangelischen verraten  wo das Lager der Ministranten war… und die Katholiken wussten von mir, dass die anderen angreifen wollten. Als es dann zur Schlacht kam, wollten sie mich alle verhauen, aber ich war schnell. Ach ja, eine katholische Nottaufe hab ich auch hinter mir. Ich war ins Eis eingebrochen und traute mich nicht heim – patschnass und vor Kälte schlotternd. Ein Spielkamerad – er war Ministrant – hat mich getauft, weil er meinte, ich könne ja sterben und dann wäre das besser für mich.

Was das mit meiner Religiosität zu tun hat? Es war vieles ein Spiel. Wir haben aber auch miteinander geredet, auf dem Schulweg, über die Schöpfungsgeschichte. Und sie ließen sich nicht überzeugen, als ich ihnen beibringen wollte, dass die Entstehung unserer Welt viel komplizierter war und nicht sieben Tage dauerte, sondern Millionen von Jahren. Wollten sie mich damals wieder schlagen? Ich weiß es nicht mehr.

Auf dem Gymnasium schließlich wurde ich auch manchmal zur Rechtfertigung meiner Bekenntnislosigkeit gezwungen. So las ich dann die Bibel – Altes und Neues Testament. Ich hab damals sowieso viel gelesen und so machte es mir keine Mühe, mir das heilige Buch der Christen in großen Auszügen zu Gemüte zu führen. Ich muss sagen, das alte Testament  bestand aus vielen grausamen Geschichten der Rache. Die Sprache war sehr überholt, die Namen wollte ich mir gar nicht erst merken. Ich verstehe heute noch nicht, wie sich aus diesen Geschichten ein Glaubensbekenntnis erhalten konnte. Das neue Testament war gefälliger. Aber es waren halt auch Geschichten von Wundern und Offenbarungen. Gott hatte also einen Sohn der auferstanden ist und Maria war unbefleckt und der Heilige Geist ist hochgefahren oder niedergekommen. Später wurde mir klarer, dass vieles Gleichnis ist, aber viele Leute alles wortwörtlich nehmen. Nun gut, der Interpretationen gibt es viele, und Jesus mag ja gelebt haben, und einige haben Geschichten weitergesponnen, meinetwegen aus einem Gefühl der Gläubigkeit heraus, aber solche Geschichten gibt es im Islam auch. Übrigens Gandhi hat auch gelebt…

Ernster wurde es aber dann, als mein Vater mich auf seine Linie einschwören wollte. Er war Anhänger von Mathilde Ludendorff. Die Medizinerin hat sich auch mit Religionsphilosophie beschäftigt. Ich hab´ da einiges gelesen, und sie hat ja wirklich philosophische Bücher verfasst. Mir ging aber ziemlich bald auf, dass das Geschriebene sehr rassistisch und eher ariosophisch war. Ihr „Bund für Gotteserkenntnis“ wurde  auch irgendwann verboten. Nach meinen Recherchen veröffentlicht ihr 90-jähriger Schwiegersohn aber heute (2005 !) noch Traktate, die in ihre Richtung gehen – teilweise in altdeutscher Schrift !

Ich habe versucht über einige Thesen zu diskutieren, aber als ich einige Versammlungen erlebt hatte und man mich in einer „Wiking-Jugend“ unterbringen wollte, hab´ ich mich abgeseilt. Heute sind ja solche Vereinigungen Sammelbecken von Unbelehrbaren. Das hatte auch was mit Religion zu tun…

Ich hab´ dann später schon noch über Gott und die Welt nachgedacht und mit einigen Leuten Gespräche geführt. Ich finde es ja auch gut, was z.B. in Jugendgruppen von einigen Kirchen an positiver Arbeit betrieben wird. Für mich langte eine gewisse Zeit, aber erst mal der Sportverein.

Im Gymnasium durfte ich teilweise am Religionsunterricht teilnehmen, teilweise hatte ich Freistunden. An meiner Schule gab es vielleicht eine Handvoll Bekenntnisloser. Ethikunterricht fand nicht statt. Das, was ich in den genossenen Unterrichtsstunden mitbekam, konnte meine anti-konfessionelle Haltung nur bestätigen.

Dort wo es interessant wurde - bei der Darstellung des Gehalts verschiedener Religionen und ihrer Gemeinsamkeiten, hab ich mir schon damals gedacht, warum man den Unterricht beider Konfessionen nicht zusammenschmeißt und ein Fach Religionskunde einrichtet. Aber nicht mal heute ist man so weit - jedenfalls nicht in Bayern !

Ich kann mich noch genau an eine interessante Diskussion mit einem Kirchenmann erinnern. Ergebnis war, dass er eingestand, dass verschiedenste Religionen, besonders auch des asiatischen Kulturkreises, Inhalte humanistischer Denkart besitzen, die man auch akzeptieren könnte. Als es aber zu dem Punkt kam, dass gesagt wurde, dass man ja von verschiedenen Religionen das Gute herausnehmen könne und sich so seine eigene Weltanschauung zurechtbasteln könne, war er plötzlich ein sehr stark verärgerter Prediger seines Bekenntnisses. Er schimpfte, tobte, ereiferte sich und meinte, damit wäre die Verkündigung der christlichen Heilsbotschaft nichtig. Ich meinte damals zu mir: Na und …?

Und so gingen die Jahre dahin. Einer Vereinigung der Freidenker wie der Feuerbachgesellschaft oder dem Bund für Geistesfreiheit bin ich nie beigetreten, wohl auch, weil ich mit Vereinen allgemein Schwierigkeiten habe. Von meiner Sozialisation her bin ich wahrscheinlich lieber mein eigener Herr.

 In der bayerischen Schule kam ich auch als Bekenntnisloser unter, welch Wunder ?

Ab und zu hab´ ich auch Religionsunterricht vertreten. Darf ich das überhaupt? Immer wieder muss ich feststellen, dass die wenigsten Schüler über das Wesentliche ihrer Religion und die Unterschiede zu anderen Bescheid wussten. Was lernen die überhaupt ?

Auch in den Jahresanfangs- und Schlussgottesdiensten musste ich immer wieder erleben, dass eine große Anzahl von Kindern nicht gelernt haben, sich an einem heiligen Ort respektvoll zu verhalten. Für was brauch´ ich dann eine Religion ? Damit ich Kommunion oder Konfirmation feiern kann und einen Haufen Geschenke bekomme ? Damit ich zu Weihnachten in der Kirche das Friedensfest feiern darf ? Damit ich in Weiß heiraten kann ? Damit später mal eine anständige Grabrede gehalten wird ? Da liegt schon vieles im Argen.

Eine kleine lokale Episode aus der jüngsten Vergangenheit: Als in Fürth ein humanistischer Kindergarten gegründet werden sollte, haben sich Vertreter der C-Partei aufgeführt, als sollten dort lauter inhumane Monster herangezogen werden und versuchten diese Einrichtung zu verhindern.

Zum Verständnis: Ich habe sehr oft schon Situationen erlebt, in denen Kinder oder Erwachsene, obwohl sie eine christliche Erziehung genossen haben, sich sehr inhuman verhalten haben.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Wenn jemand seine Religion tiefgläubig ausübt,  respektiere ich das voll und ganz im Sinne von Anerkennung.

Nicht akzeptieren kann ich es, wenn andere davon Schaden tragen (z.B. Verweigerung einer Bluttransfusion / Ausgehverbot für Frauen / penetrante Missionierung … )

Die religiöse Empfindungswelt wird in der Philosophie als Transzendenz beschrieben. Diese Gefühle des Überschreitens unserer eng umgrenzten sinnlichen Wahrnehmung könnte mit dem Aufbau und der Entwicklung unseres Gehirns zu tun haben. Dass man hier von Seele redet, kann man akzeptieren. Nicht akzeptabel für mich ist aber, wenn dann Folgerungen getroffen werden,  die Leib und Seele so trennen, dass z.B. im Zustand des Todes der eine Teil entfleucht…Dieses Wunschdenken wäre egal, wenn daraus nicht immanent Glaubenssätze und Interpretationen folgen würden, die sich oft diskriminierend auf Andersgläubige auswirken oder auch den Aberglauben fördern.

 

Ich jedenfalls habe zum Beispiel religiöse Gefühle, wenn

  • -         ich im Physik- oder Biologieunterricht die Wertschätzung für belebte und     unbelebte Natur rüberbringen kann.
  • -         neben der Hektik des Alltags an bestimmten Orten Ruhe einkehrt.
  • -         Musik zu einer inneren Ergriffenheit führt.
  • -         einem plötzlich die Lösung eines Problems gelingt.
  • -         man sich einer Tätigkeit so hingeben kann, dass die Zeit verschwindet (der sogenannte Flow)

Um richtig verstanden zu werden, welche Religiosität hat dann eigentlich ein Heide, wie ich ?

Erst einmal, das was ich nicht glaube:

Ich glaube nicht

  • -         an einen persönlichen Gott
  • -         an einen strafenden oder liebenden Gott
  • -         an einen Gottessohn
  • -         an eine körperliche Auferstehung
  • -         an ein Jüngstes Gericht
  • -         an eine unbefleckte Empfängnis
  • -         an ein Leben nach dem Tode
  • -         an die Menschen als Krone einer Schöpfung
  • -        an ein Paradies in einem Jenseits
  • -      dass die Eingebungen, Auslegungen und Geschichten von sogenannten                Propheten  einen Absolutheitsanspruch haben dürfen.

Ich nehme an, dass

  • -         wir nur ein Staubkorn im Weltall sind
  • -         unser Bewusstsein zu begrenzt ist, um den Aufbau der Welt je zu begreifen
  • -         unsere Sinne nur Teile der Wirklichkeit aufnehmen können
  • -        unsere Gehirne die Weltsicht nur nach der ihnen eigenen Struktur ermöglicht
  • -         wir keine Gewissheit über unseren Ursprung und unser Ende haben können
  • -         unser momentaner Zustand nur eine Episode ist

Ich glaube, dass

  • -         wir uns trotzdem eine Wichtigkeit zuweisen dürfen
  • -         wir aber dann anderen Wesen auch eine Wichtigkeit zuweisen müssen
  • -         der Begriff der Ewigkeit uns nicht adäquat ist
  • -         wir ein Teil eines ständigen Kommens und Gehens sind

Ich meine, dass

  • -         vieles, was uns als Religion dargestellt wird, in seiner geschichtlichen Entwicklung betrachtet werden muss und zur sehr großen Teilen aus Aberglauben besteht.
  • -         in einer zusammenwachsenden und bedrohten Welt, die konfessionellen Unterschiede überwunden werden müssen.
  • -         die Aufklärung noch lange nicht zu Ende ist. Aufklärung heißt, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, aber auch transzendente Momente mit einzubeziehen.
  • -         wir uns als Teil der Natur, nicht getrennt davon, erleben sollten und unsere Handlungen danach ausrichten sollten.
  • -         die allgemeinen Menschenrechte weiter entwickelt werden müssten, auch Menschenpflichten beschrieben werden müssten, und die Konfessionen ihren Teil dazu beitragen sollten.
  • -  keine Religion oder Konfession das Recht in Anspruch nehmen darf sich als dominierend zu sehen und deshalb unterdrückend zu agieren.

geschrieben: Hucky Schermann Fürth  10. – 12. 12. 05

durchgesehen und ergänzt Fürth 2.1.2011

 

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